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Die Finanzbranche und insbesondere die Bankenwelt sind einem Wandel unterworfen, der häufig unter dem Schlagwort „Digitalisierung“ zusammengefasst wird. Weniger Beachtung findet hingegen ein anderer Trend: die Aufweichung der Branchengrenzen, die dazu führt, dass immer mehr Unternehmen unterschiedlicher Branchen ihren Kunden Finanzdienstleistungen anbieten. Als der Autor einmal einen Vortrag zu diesem Thema hielt, fasste dies ein Manager aus einer anderen Branche treffend mit dem Satz zusammen: „Jedes Unternehmen kann ein Finanzdienstleister sein.“

Dass Unternehmen anderer Branchen eigene Banken gründen, ist an sich keine neue Entwicklung. Immer wieder kommt es national und international vor, dass Unternehmen z.B. aus der Telekommunikation, der Automobilbranche, dem Handel oder der Industrie Banken gründen und betreiben. Eine solche Strategie hat es jedoch traditionell erfordert, eine Banklizenz zu beantragen (ein relativ komplexer Prozess) sowie eigene Strukturen und Kompetenz zu Themen aufzubauen, die nicht zum Kerngeschäft solcher Unternehmen gehören.

Diese Eintrittsschwellen sind zuletzt jedoch wesentlich gesunken, und Unternehmen können einfacher und gezielter Finanzdienstleistungen anbieten.

Dafür gibt es im Wesentlichen folgende Gründe:

  • Regularien wie die 2. Zahlungsdienste-Richtlinie der EU („PSD2“) öffnen den Zugang zu Bankkonten und erlauben es anderen Unternehmen, für ihre Kunden deren Kontodaten einzulesen und Zahlungen auszulösen.
  • „Banking as a Service“ bedeutet, dass Unternehmen keine eigene Lizenz mehr brauchen, da ihnen die entsprechenden Mühen von White-Label-Banken abgenommen werden.
  • Strategien wie „Decoupling“ und „Coupling“ entlang der Kunden-Wertekette: Der zentrale Begriff hier ist jener der „Kunden-Wertekette“, also die gesamte Kette der einzelnen Kundenaktivitäten in Bezug auf ein Produkt oder eine Dienstleistung. Während früher eher die Sicht vorherrschte, dass Unternehmen abhängig davon in neue Märkte einsteigen sollen, wo ihre Kernkompetenzen liegen, begleiten heute immer mehr Unternehmen ihre Kunden entlang deren eigener Kette von Aktivitäten, was sie quer über verschiedene Branchen hinweg führt.

Immer mehr Unternehmen unterschiedlicher Branchen nutzen die Möglichkeiten, die sich durch diese Neuerungen ergeben:

  • Fahrdienstleister: Uber und Lyft bieten ihren Fahrern Konten und Karten an und schaffen es dadurch, nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch die Fluktuation bei den Fahrern zu verringern und somit die Kosten für die Gewinnung neuer Fahrer zu senken.
  • Autohersteller: Konfrontiert mit neuen Geschäftsmodellen, die die Hersteller direkter zu den Endkunden bringen, haben sich Unternehmen wie Mercedes oder Porsche entschlossen, Bezahldienste wie „Mercedes pay“ anzubieten bzw. in einen Software-Anbieter zu investieren, der auf die Monetarisierung der neuen Geschäftsmodelle spezialisiert ist.
  • Flugbranche – Die Lufthansa Miles & More GmbH hat 2019 die Multibanking-App „Miles & More Finance Plus“ gestartet, die für ihre User alle Konten und Karten in einer App zusammenfasst und Prämienmeilen vergibt, wenn von einem User z.B. ein bestimmter Fonds gekauft, eine Versicherung genutzt, ein Peer-to-Peer-Kredit vergeben oder ein Vertragswechsel bei einem Strom- oder Mobilfunkanbieter vorgenommen wurde.

 

Das gezielte Anbieten einzelner Finanzdienstleistungen bietet für Unternehmen verschiedener Branchen und unterschiedlicher Größe eine oft einfache Möglichkeit, neue Erträge zu  generieren, Kunden zu binden, aber auch Mitarbeiter oder Partner. Aufsichtsräte unterschiedlicher Branchen sollten daher ein Grundwissen dazu besitzen.

 

 

Michael Mahlknecht

Michael Mahlknecht

ÜBER DEN AUTOR
Michael Mahlknecht ist Mitglied im Advisory-Board eines Schweizer Software-Anbieters und berät Unternehmen verschiedener Branchen zu strategischen, Finanz- und IT-Themen. Er war Vorstandsmitglied bei der Corporate-Bank Banco do Brasil (Europazentrale in Wien) und Mitgründer eines Finanzsoftware-Unternehmens.