Wie komme ich zu einem Verwaltungsrat Mandat – und wie werde ich es wieder los?
VR-Mandate werden meistens durch Netzwerke gewonnen, seltener über Headhunter. In Krisen ist es riskant, vorschnell zurückzutreten. Es ist besser, aktiv mitzuwirken und Zugang zu Informationen zu behalten, um Haftung zu vermeiden.
Vieles wird zum Thema geschrieben, wie ein Verwaltungsrat (VR) sein Mandat professionell führt. Weniger Tipps sind zum Thema erhältlich, wie man zu einem VR-Mandat überhaupt kommt und – wenn sich eine Krise in der Gesellschaft abzeichnet – man es wieder loswird.
Akquise eines VR-Mandates
Wir von BoardFinder setzen uns seit zehn Jahren mit der Frage auseinander, wie man am besten ein Verwaltungsrat Mandat akquiriert. Ein Patentrezept hierfür gibt es nicht. Dennoch lässt sich folgendes festhalten: Mandate im Topsegment, wohl 20 % aller Unternehmen, werden durch professionelle Headhunter evaluiert. Aus dem Gespräch mit Headhuntern wissen wir allerdings, dass diese nicht sonderlich darauf erpicht sind, (nur) VRs zu rekrutieren: Headhunter verlangen als Entgelt einen gewissen Prozentsatz eines Jahressaläres. VR Mandate sind aber – von wenigen Ausnahmen internationaler Grosskonzerne abgesehen – nicht sonderlich gut bezahlt. Die Headhunter zielen eher darauf ab, das gesamte C – Level Management zu rekrutieren oder mehrere Mitarbeiter der nächsten Hierarchiestufe; auf der Summe dieser höheren Jahressaläre schenkt ein Prozentsatz deutlich besser ein.
Bei geschätzten 80 % Schweizer Aktiengesellschaften sind die jährlichen VR-Honorare eher im Bereich zwischen CHF 10,000 bis CHF 40,000 pro Jahr – für Headhunter uninteressant. Die Gesellschaft wird bei der Suche geeigneter VR-Kandidatinnen und Kandidaten daher eher pragmatisch vorgehen: Man sieht und horcht sich um, ob man eine passende Person im beruflichen oder privaten Umfeld kennt. Geschieht dies mit einer minimalen Systematik, so geht diesem Prozess immerhin eine saubere Gap-Analyse voraus: Man stellt sich die Frage, welche Kompetenzen der VR für die nächsten 5-10 Jahre benötigt, stellt die vorhandenen Qualifikationen gegenüber und definiert so die bestehenden Kompetenzlücken. Die Suche fokussiert sich dann auf spezifische Profile.
VR-Mandat: So geht’s rein & raus
Wir vom BoardFinder verstehen uns als Ergänzung zu solchen Suchen: Indem sich ein Kandidatenpool mit unterschiedlichen Ausbildungen, Funktionserfahrungen und Branchenkenntnisse auf einer Plattform präsentiert, können suchende KMUs die Profile aus ihrem bestehenden Bekanntenkreis durch BoardFinder erweitern.
Fazit: Der Grossteil von VR Mandaten wird bis heute aufgrund pragmatischer Suche im bestehenden Bekanntenkreis gesucht und gefunden. Es handelt sich um ein People’s Business. Wer ein Verwaltungsrat Mandat anstrebt, muss ein Beziehungsnetz pflegen und dort als zuverlässige, kompetente und vertrauenswürdige Person in Erinnerung bleiben.
Wie werde ich ein Verwaltungsrat Mandat wieder los?
Unternehmen geraten in Krisen. Wer ein Verwaltungsrat Mandat annimmt, muss wissen, dass es nie 100-prozentigen Schutz für Krisen gibt, auch nicht, wenn der VR selbst sein Möglichstes zur Vermeidung einer Krise beigetragen hat. Statt sich bei Freunden, Bekannten oder gar in der Öffentlichkeit mit der honorigen Aura eines VR Mandates zu schmücken, kann die Zugehörigkeit zu einem VR schnell zu einer Last werden, die einem den Schlaf raubt. Die Verwaltungsräte von Swissair, Raiffeisen, Postauto etc. mögen die gegen sie eröffneten Zivil- und Strafverfahren gewonnen haben. Dennoch sind sie oft gebrandmarkt – Personen, die während mehreren (ohne weiteres auch 10) Jahren in Prozesse verwickelt waren, Anwaltskosten von mehreren zehn- oder gar hunderttausend Franken zu bezahlen hatten und immer mit dem Damoklesschwert einer Verurteilung leben mussten.
Presse und öffentliche Meinung wettern zurzeit gerne «gegen die ganz oben“. Behörden, bspw. die Eidg. Steuerverwaltung, gehen ohne jeden Skrupel gegen eingetragene VR Mitglieder vor, wenn nur der leiseste Verdacht eines Steuerdeliktes besteht – ohne im geringsten zu erforschen, wer konkret auf VR oder Management Ebene hierfür verantwortlich sein könnte. Wer eingetragen ist, gegen den werden Strafverfahren eröffnet.
Bei dieser Ausgangslage mag man versucht sein, beim Auftreten eines Alarmzeichens sein Verwaltungsrat Mandat umgehend niederzulegen. Doch diesbezüglich ist Vorsicht geboten: Ein Verwaltungsrat kann zwar – selbst wenn seine Wahlperiode noch nicht abgelaufen ist – aus dem Verwaltungsrat zurücktreten und selbstständig seinen Rücktritt beim Handelsregister anmelden. Dies führt zur Löschung seiner Amtstätigkeit aus dem Register. Allerdings vergibt sich das VR Mitglied damit die Chance, an der Heilung der Krise und damit auch an der Abwendung etwaiger Haftungsansprüche mitzuwirken. Es kann passieren, dass ein CFO des Unternehmens zur Schonung der Liquidität Sozialkassenbeiträge nicht bezahlt hat und es deshalb zur Betreibung gegen die Gesellschaft kommt. Es ist Aufgabe der Verwaltungsratsmitglieder, geeignet Einfluss zu nehmen und die Prioritäten im Liquiditätsengpass festzusetzen. Auf diese Weise werden beispielsweise Zahlungen an die Sozialkassen noch vor den nächsten Löhnen beglichen, um eine persönliche Haftung von VR und Management abzuwenden. Wer aus dem Verwaltungsrat zurücktritt, kann an dieser Behebung der Gesetzwidrigkeit nicht mehr mitwirken. Zudem schneidet sich ein zurückgetretener VR auch vom Informationsfluss und vom Aktenzugang ab: Er hat keine faktische Möglichkeit mehr, über Sachverhalte des Unternehmens informiert zu werden, wenn er etwa wegen seiner Tätigkeit bis zu seinem Rücktritt von Behörden oder Gläubigern in Anspruch genommen wird.
Deshalb: Ein Rücktritt aus dem Verwaltungsrat darf nicht voreilig erfolgen. Es mag besser sein, als VR Mitglied mitzuwirken, die Krise zu überwinden und den Zugang zu Information und Akten zu behalten.

zur Person
Dr. Leonz Meyer ist Rechtsanwalt und seit bald 30 Jahren Verwaltungsrat in verschiedenen Schweizer Unternehmen. Er war Partner in grossen, teilweise internationalen Anwaltskanzleien. Er war Mitgründer von www.boardfinder.org, wo sich erfahrene Persönlichkeiten als Board Mitglied anbieten. Neuerdings bietet er im Verbund mit jüngeren Juristinnen und Juristen weitere juristische Dienstleistungen an (www.boardplus.ch) , schwergewichtig an der Schnittstelle der VR Tätigkeit und Rechtsberatung: was VRs tun sollten, um Corporate Governace und Haftungsrisiken zu minimieren.







